Gestatten, Henschel.
Ausrüstung:
- Canon EOS 20D
- Canon EOS 50D
- Fuji F100fd
- Tokina 11-16 f2.8
- Canon 18-55 IS f3.5-5.6
- Sigma 50-150 f2.8
- Metz Mecablitz 54AF-1
Stillgelegt, verlassen, marode bis in die letzte Ecke. Löchrige Dächer, Moosteppiche bedecken morsche Böden. Zerfranste Gardinen hängen noch in Teilen vor Fenstern, zerfledderte Akten säumen meinen Weg durch das Gebäude. Leere Hallen, die Fundamente von tiefen Gruben gesäumt und von Staub bedeckt. Die Fotografin Candida Höfer fasste die Faszination an menschenleeren Orten einmal in folgende Worte: „Die Abwesenheit der Menschen macht noch deutlicher, dass diese Räume für Menschen gemacht sind.“
Zeugen des Stillstands und Verfalls, aber auch Spuren von Menschen, Einzelschicksalen, die Geschichten erzählen können und so, wie sie sich einem aufdrängen, auch wollen. Sie hinterließen Botschaften in diesen Gebäuden, in Form von Kalendern, Essbrettchen, privaten Fotos. Hier und da kann ich Namen ausfindig machen. Weiß ich in diesem Moment von Personen, die hier täglich ein- und ausgingen, lange Zeit ihres Berufslebens verbrachten, berühren mich ihre Geschichten plötzlich. Das Vorhaben, hier zu fotografieren, zu dokumentieren, nimmt eine subjektive Gestalt an. Details fallen mir ins Auge, die diese Menschen nach so langer Zeit hier gar nicht mehr bemerkt haben. Es sind Dinge, die mir im ersten Augenblick sinnlos, grotesk oder amüsant vorkommen. Aber gerade diese Dinge machen das Ganze so persönlich, so menschlich. Durch Schmierereien an den Wänden, an Fenstern und auf Papier bekommen die Menschen eine Identität, erzählen ihre ganz eigene Geschichte des Alltags hier. Ironische oder sarkastische Kommentare und Faustskizzen deuten auf ein gutes Arbeitsklima hin.
Erweitere ich meinen Blick wieder auf das Drumherum, sehe ich leere Räume. Funktionslose, anonyme Räume. Objektiv gesehen: grandiose Architekturzeugnisse, die meist aus einer Zeit stammen, in der das Wort „Zweckbau“ noch als Neologismus gegolten hätte. Kunst am Bau. Dann Ingenieursleistungen, vor denen ich Respekt habe. Dass derartige Bauten damals am Reißbrett entstanden, gar ohne Zuhilfenahme eines Taschenrechners, geschweigedenn eines Computers, oder sogar nur dem Geist eines erfahrenen Handwerkers entstammen, grenzt für mich an das Fantastische. Und dann sehe ich doch einen Zweck in der beinahe verschwenderischen Bauart: unter widrigsten Bedingungen ein gutes Umfeld für ein gesundes Arbeitsklima zu schaffen, wird wohl die Intention der Bauherren gewesen sein. Zufriedenheit steigert schließlich die Produktivität. Und stimmte das Umfeld an manchen Stellen nicht sofort, befriedigte es nicht das Bedürfnis von „Heimelichkeit“, schafften die Menschen mit Kleinkram Abhilfe. Auch diesen Kleinkram finde ich mancherorts. Es ist Kitsch, der selten meinem Sinn für Ästhetik nahekommt, aber er bringt doch irgendwie Wärme in die kalten Gemäuer. Es ist die Art von Dekoration, die ich aus den Wohnungen meiner Elterngeneration kenne, und so kann auch ich in diesem Moment diese „Heimelichkeit“ spüren.
Ursprünglich spornte mich vor allem der Abrisswahn im Ruhrgebiet des beginnenden 21. Jahrhunderts an, verlassene Orte des Wohnens und Arbeitens aufzusuchen und ihre Erscheinung fotografisch festzuhalten. Es sind Orte, die ich nur aus Erzählungen meiner Eltern und Großeltern kenne. Vom Mythos Ruhrgebiet ist nicht viel geblieben. Und das, was noch geblieben ist, wartet auf sein Ende.
Mit den hier gezeigten Aufnahmen möchte ich meine Eindrücke vermitteln, jedoch nicht auf besonders tiefgründige Art und Weise. Ich pflege einen äußerst subjektiven, emotionalen Umgang mit dem Motiv, der keinem sachlichen Maßstab gerecht wird, jedoch nicht in der Lage sein wird, eine durchdachte Bildgestaltung zu ersetzen.