Von Kabelratten, Wülfing-Scheiße, Zugtoiletten und Jochen
Sie beginnen Ihre Reise im Röntgen-Städtchen Lennep, das vor Jahren durch irgendwelche Reformen der Stadt Remscheid zugeschlagen wurde. Lennep hat einen modernen Bahnhof, der etwas abseits der ehemaligen Bahnsteige und des Empfangsgebäudes installiert ist. Das Gebäude steht zum Verkauf, rottet aber bereits wie die meisten DB-Immobilien vor sich hin und wird wohl in nicht allzu ferner Zukunft kontrolliert rückgebaut werden. Im Ort selbst wechseln sich tollkühne Städte- und Verkehrswegeplanung der 70er Jahre mit historisch gewachsener Architektur und Infrastruktur ab. Im Klartext: im einen Moment denken Sie sich: „Mann, wie idyllisch!“, bevor sich Ihnen im nächsten Augenblick die hässliche, betongraue Seite Lenneps präsentiert. Und nur wenig später finden Sie sich inmitten von bergischer Kulturlandschaft, geprägt von Kuhweiden und der entsprechenden Würze, wieder.
Als erstes Ziel steuern Sie die Papierfabrik 733 an. Sie stellen Ihr geländetaugliches Zweirad an der ehemaligen Bahnstrecke von Wuppertal nach Remscheid ab und denken, dass Sie, dem Gleis folgend, kurz vor der zweiten Brücke über den aufgestauten Fluss, links den Bahndamm hinabsteigen müssen, um zum Objekt Ihrer Begierde zu gelangen, stellen jedoch sehr bald fest, dass Sie sich auf einer Halbinsel befinden, da zu Ihrer Rechten kurze Zeit später dasselbe Treibgut, das gerade noch links an Ihnen vorbeitrieb, Sie erneut einholt. Eine schöne Wanderung im Herbstlicht und romantisch wirkendem Mischwald.
In der Fabrik angekommen stellen Sie sehr bald fest, dass Sie nicht allein sind. Es grummelt verdächtig in einem Anbau. Die genaue Quelle des Lärms können Sie jedoch nicht ausmachen. Es riecht verkohlt. Sie setzen Ihre Fototour im Innern der Gebäude fort. Die Stimmen werden klarer, Klopfgeräusche kommen hinzu, Sie nehmen den Klang eines Rundfunkempfängers wahr und stolpern beinahe über zwei auf dem Boden verlegte Elektrokabel. Quer durch das Hauptgebäude verlaufen die Leitungen. Sie haben Ihren Ursprung im Verteilerkasten des Hausverwalters und einer Steckdose direkt daneben. Wenn Sie mich fragen, höchste Zeit, sich von diesem Ort zu entfernen. Mit Kabelratten ist oft nicht zu spaßen. Je nach deren möglicher Maximalausbeute sollten Sie sich mancherorts diesen zwielichtigen Gestalten nicht unbedingt nähern, wenn Sie eine relativ teure Kameraausrüstung offen mit sich herumtragen.
Auf dem Rückweg stellen Sie dann noch fest, dass Dreistigkeit siegt und sich in diesem konkreten Fall durch eine hinter dem Gebäudeteil, aus dem die Stimmen, Klopfgeräusche und Musik schallen, abgestellte Schrottmulde manifestiert.
Hardt’sche Fabrik: keine besonderen Vorkommnisse. Was? Dafür lernen Sie auf der nächsten Etappe an der Vogelsmühle einen Mann kennen, der Ihnen Jochen, sein Haus und dessen selbstgebaute, völlig zugemüllte Garage zeigt. Er spricht Fränkisch durch die Nase und schielt Sie beim Reden an. Immer wieder erzählt er Ihnen, dass hier einst der Jochen wohnte, aber Jochen fort sei. Da Sie den Mann nur schwer verstehen, wünschen Sie ihm nach kurzer Zeit einfach einen schönen Tag und erklären ihm, dass Sie das Firmengelände auf anderem Wege verlassen werden, als er es tun wird.
Wenig später erreichen Sie die Textilstadt Wülfing, wo Sie an und für sich bloß aufpassen müssen, sowohl mit dem linken Schuh, als auch mit dem Vorderrad, den Kot ein und desselben Tieres aufzunehmen. Da es inzwischen dämmert, entschließen Sie sich, nachdem Sie Schuh und Reifen lieblos vom Großteil der anhaftenden Exkremente befreit haben, den Heimweg anzutreten. Zwölf Kilometer flussabwärts. Dort fährt nach kurzer Zeit ein Zug ein, der Sie heimbringt. Sie werden allerdings noch von einer mitreisenden jungen Mutter samt Anhang freundlich, aber bestimmt, darauf hingewiesen, dass die Benutzung der Toilettenspülung im Bahnhof verboten sei. Lassen Sie sich hier bitte keinen Bären aufbinden und brechen Sie keine Diskussion über geschlossene Abwassersysteme an und antworten Sie auf die Frage des Proleten-Gatten, was denn geschehe, wenn der Abwassertank irgendwann voll sei, einfach mit: „Dann wird natürlich der ganze Zug verschrottet“. Gute Reise.
